Einige Erinnerungen an Blokada

Beatrice Lieth Gordina. Einige Erinnerungen an Blokada. Mai 1999

Den vierten Monat geht der Krieg.

Schon Leningrad liegt in Blokada.

Ich schick in Weite meinen Blick,

Mich bringt dorthin ein alter Faden.

Ich sehe klar ein schönes Haus,

Wo ich mit meiner Mutter wohnte.

Es hatte ein sehr gutes Los:

Das Haus die Macht des Gottes schonte.

 

Und Bomben, Bomben Tag und Nacht…

Sie alles rundumher zerstörten.

Und das Gepolter wilder Kraft…

Ich niemals später gleiches hörte.

 

Vom Fensterbrett schau ich – ein Kind,

Wie brennen die Badaewlager.

Die Feuerzungen reisst der Wind.

Nachts ist so hell, wie bei dem Tage.

 

All Lebensmittel für die Stadt

Hat böser Brand dann ausgefressen,

Den ganzen jährlichen Vorrat…

Die grosse Stadt blieb ohne Essen.

 

Nun taucht vor mir der Winter auf

Mit ungewöhnlich starken Frosten

Der Hunger ist im vollen Lauf,

Und nichts kann uns’re Menschen trosten.

 

Das Hungersterben war gewohnt.

So starben viele, viele Leute.

Doch der, den hat der Tod verschont,

Blieb nicht gedrückt und selten weinte.

 

Nicht nur vom Hunger kam der Tod,

Doch auch von Bomben und Beschiessung.

Man dachte aber mehr an Brot

Und an Beköstigung ausschliesslich.

Ich sah, wie täglich Mutter kämpft,

Um wir zu zweit am Leben bleiben,

Wie ihre Todesängste dämpft,

Wenn schaut an uns’re dürre Leiber.

 

Mit Schmerz erinn’re mich bis heut,

Wie Leningrader Kinder litten.

Erschöpfte Leibchen, gelbe Haut.

Und kleine Leichen auf den Schlitten.

 

Meine Besinnung weiter führt

Nach voller Hoffnung Wintertagen,

Als Dank der Tapferkeit und Mut,

War Weg des Lebens aufgeschlagen.

 

Auf Eis des Sees angelegt,

Verband die Stadt mit Grosser Erde

Die schmale Spalte, Lebensweg,

Beschossen von den Feindesherden.

Halbtote Menschen fuhren aus

Mit diesem Weg nach freiem Ufer.

Rückwärts – die Kost. Es folgte draus,

Das Leb’n erwürbe neue Stufen.

 

Man arbeitete schwer und viel,

Man kam nach Haus’ nicht jede Woche.

Selbst, wenn der Mensch vor Schwäche fiel,

Verlor er nicht den Mut und Hoffnung.

 

Noch hauste Tod in Leningrad,

Und Schlachtflugzeuge in dem Himmel,

Der Frühling seine Sache tat,

Und wurde lauter seine Stimme.

 

Da krochen aus dem Haus hinaus

Die dürren Schatten – Menschenwesen

Zu säubern Raum umher ihr’m Haus

Mit Schaufeln, Brecheisen und Besen.

 

Sie hackten ab das harte Eis,

Belasten Kraftwagen und Schlitten

Mit der Begeisterung und Fleiss,

Ohne Befehl, besondre Bitten.

 

Sie räumten ihre Stadt vom Dreck,

Von Leichen in den Schneewehen.

Schien, alles schrecklichste ist weg…

Doch müsste noch so viel geschehen!

 

Jetzt seh’ ich Lenz mit grünem Gras,

Das hungre Menschen essen konnten.

Sie starben nicht, dank diesem Frass,

Der von dem Hungertod verschonte.

 

Die Sonne folgte ihrer Pflicht,

Sie wärmte schwache Menschenknochen

Und schenkte Licht und Zuversicht

Nach dunklen, kalten Winterwochen.

 

Noch war in vollem Gang der Krieg

Und knapp Blokadalebensmittel,

Man wusste fest: bald kommt der Sieg.

Wie weit war doch bis Kriegesmitte!

 

Man gab die letzten Kräfte ab,

Um Leningrad auch weiter lebe,

Gross war die Hoffnung: alles klappt,

Die schwere Zeit soll sich bald heben!

 

In diesem Vers besann ich mich

Nur auf ein Dritt’l Blokadatagen,

Von dem besonderen Gewicht

Mit vielen Rätseln, vielen Fragen.

 

Wie überlebten wir dies’ Graus?

Woher wir nahmen solche Kräfte,

Wenn Tod kam fast in jedes Haus

Mit seinem furchtsamen Geschäfte?

 

Geschichte ihr Geheimnis hält

Schon mehr, als fünfundfünfzig Jahre.

Und vieles,was war falsch erhellt,

Wird, scheint mir, Ewigkeit verwahren.

 

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